AuszugLeseprobe
„Terror am Morgen
Freitag im Februar. 5 Uhr morgens. Klövensteenweg
Der Wecker spielt eine digitale Melodie. Zu einer Uhrzeit, zu der nur wenige Arten von Menschen freiwillig wach sind: Bäcker, Notärzte, Diebe – und Steffi. Sie quält sich aus dem Bett, schlüpft in ihren Bademantel und wirft einen ersten, prüfenden Blick in den Spiegel ihres Schminktisches.
„Ohje. Das also ist das Ergebnis von vier Stunden unruhigem Schlaf, nächtlichem Grübeln und latentem Nachbarschaftskonflikt. Heute braucht es eindeutig die doppelte Portion Make-up. Mindestens. Und für die roten Haare… Nun ja. Ein kleines Wunder. Oder eine Stunde extra“, denkt sich Steffi. Ihr Blick wandert zum Fenster. Die Vorhänge sind nur einen Spalt geöffnet. Viel zu viel Spalt. Misstrauisch tritt sie näher, späht hinaus. „Regt sich dort drüben schon Leben?"
Sie zieht die schweren, blickdichten Gardinen mit chirurgischer Präzision zu. So. Endlich sicher.
„Hoffentlich kommt bald der Raumausstatter“, denkt sie. „Nach langem Warten endlich elektrische Rollläden. An allen Fenstern. Freiheit hinter der eigens abgedunkelten Fassade. Überhaupt. Das ewige Warten auf die Handwerker erscheint einem immer wie eine Ewigkeit. Doch diesmal ist es besonders schlimm."
Die letzten drei Monate hatten sich hingezogen wie Kaugummi. Immerhin: Der eilig bestellte Klempner war letztens erstaunlich schnell gewesen, als das Wasser im Keller bedrohlich hochstieg. „Gulliververstopfung nach Starkregen", hatte er gesagt. Doch dann dieses verdächtige Saunatuch. Steffi schnaubt leise. Noch immer sieht sie sein Gesicht vor sich, als er das völlig durchnässte, vollgesogene Handtuch aus dem Abfluss gezogen hatte. „Dieser Blick. So einer, der nichts sagt – aber alles denkt. ‚Das rutscht doch da nicht zufällig rein‘, hatte er zwar nicht gesagt. Aber eindeutig gemeint. Dabei war es wirklich ihr Saunatuch gewesen. Es hatte Tage zuvor ganz harmlos auf der Wäscheleine gehangen. Zufälle gibt es. Oder eben boshafte Nachbarinnen."
Steffis Gedanken werden vom Geräusch des Wasserhahns im Bad unterbrochen. Sven ist wach. Natürlich. Sie geht zur Schlafzimmertür, bleibt stehen, dreht sich noch einmal um und kontrolliert ein letztes Mal die Vorhänge. Alles dicht. Erleichtert atmet sie aus und schlurft in die Küche. Die Jura läuft bereits. Der Kaffee fließt, die duftende Crema legt sich perfekt auf den dunklen Kaffee im edlen, weiß-blauen Royal-Copenhagen-Becher. Ordnung muss sein.
Sven kommt pfeifend aus dem Bad. Frisch geduscht. Entspannt. In lässiger Freizeitkleidung. Er nippt im Stehen an seinem Kaffee, beugt sich zu seinen Turnschuhen und bindet sich zügig die Schleifen. „Heute habe ich OP-Tag. Ich ziehe mich in der Klinik um“, sagt er, als hätte sie gefragt. „An einem Freitag?“ Steffi hebt eine Augenbraue. „Sonst ist doch Donnerstag dein großer D-Day.“ Sven seufzt theatralisch. „Inzwischen sind es Dienstag, Donnerstag und Freitag. Die Gesellschaft wird nicht jünger. Und du weißt doch – früher oder später kommen sie alle zum Urologen.“ Er zuckt entschuldigend mit den Schultern. „Und sag bitte nicht D-Day. Ich weiß genau, dass du innerlich etwas ganz anderes daraus machst.“ Steffi lächelt unschuldig. „Ach komm, lass mir doch meinen Spaß. Ist doch nicht ganz falsch. Die armen Frauen. Nachdem du Hand angelegt hast, sind die Männer erstmal inkontinent – und mit der Standfestigkeit ist es auch nicht mehr weit her. Für sie ist und bleibt es eben der Dildo-Day.“ „Das liegt nicht an mir“, erwidert Sven, „sondern daran, dass sie einen bösartigen Tumor in der Prostata haben, der entfernt werden muss. Ich rette Leben, Steffi. Da könntest du ruhig ein bisschen mehr Mitgefühl zeigen."
Sie zuckt nur mit den Schultern. Doch Sven lässt nicht locker. Er tritt näher, beugt sich zu ihr, streift mit den Lippen ihr Ohrläppchen und flüstert ihr mit süffisantem Unterton ins Ohr: „Die magische Zahl lautet übrigens 21. Laut einer Harvard-Studie haben Männer, die einundzwanzig Mal im Monat Sex haben, ein bis zu dreißig Prozent geringeres Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken – als Männer, die seltener zum Orgasmus kommen.“ Er richtet sich auf und lächelt sie herausfordernd an. Steffi starrt ihn an. „Und was bitte“, fragt sie betont langsam, „habe ich damit zu tun?"
Doch Sven ist schon auf dem Sprung. Ein flüchtiger Kuss, ein letzter Schluck Kaffee.
„Bin schon spät dran“, sagt er und wirft einen letzten Blick auf die Uhr, als könne er sie mit purem Willen um ein paar Minuten zurückdrehen.
„Sven“, erinnert Steffi ihn und hebt warnend den Zeigefinger, „an diesem Wochenende können wir an deiner persönlichen Gesundheitsquote nicht arbeiten. Ich hoffe, du hast es nicht vergessen – ich fahre nachher mit den Strick-Club-Mädels nach Dänemark."
„Keine Sorge, mein Schatz. Genau deshalb bin ich ja so in Eile.“ Er klingt dabei erstaunlich gut gelaunt für jemanden, der gleich mehrere Stunden mit fremden Vorsteherdrüsen verbringen wird. „Meine beiden heutigen Prostatektomien sollten jeweils nicht länger als zwei, maximal drei Stunden dauern. Um acht Uhr liegt schon der erste Patient glattrasiert auf meinem OP-Tisch."
Steffi verzieht leicht das Gesicht. Frühstücksgespräche dieser Art waren eindeutig nicht der Grund gewesen, warum sie ihn geheiratet hatte.
„Wenn die Kinder aus der Schule kommen“, fährt Sven unbeirrt fort, während er in seine Jacke schlüpft, „sind die Herren ihre Karzinome los – und ich längst wieder zu Hause.“ Er schnappt sich die Autoschlüssel, als müsse er sonst Gefahr laufen, doch noch sentimental zu werden. „Mach dir mit deinen Freundinnen ein schönes Wochenende. Ich kümmere mich um die Haustiere und unsere beiden Teenies."
Ein Luftkuss fliegt quer durch die Küche, dann fällt die Haustür ins Schloss.
Steffi bleibt einen Moment stehen, dann seufzt sie tief auf – dieses befreiende Seufzen, das nur entsteht, wenn man weiß: Jetzt bin ich erst mal allein. Sie lässt sich auf einen der Küchenstühle sinken, schließt beide Hände um den noch dampfenden Kaffeebecher und genießt für genau drei Sekunden die absolute Ruhe.
Dann klingelt es.
Nicht höflich. Nicht zögerlich. Sondern so, als hinge irgendwo draußen ein Notfallknopf.
„Oh“, denkt Steffi leicht genervt, „Sven hat bestimmt etwas vergessen.“ Sie steht auf und geht in den Flur.
Das Klingeln wird aggressiver. Labrador Nougat reißt sich aus seiner morgendlichen Tiefschlaf-Starre und bellt los, als hätten bewaffnete Einbrecher beschlossen, den Haushalt zu übernehmen.
„Ja, doch, ich komme ja schon!“, ruft Steffi gereizt, während sie zur Tür eilt – ahnungslos, dass dieser Morgen gerade erst Anlauf nimmt.“